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Schöner, als im schönsten Traum

14.02. - 28.02.1999

Nun sitze ich also hier, auf der Hundehütte von Gea, in einer Landschaft, wie sie sich Jack London nicht besser hätte ausdenken können: Ein klarer Sternenhimmel über mir, um mich herum meine vielen vierbeinigen Freunde, ein leises Rauschen des Windes in den verschneiten Baumwipfeln und im Hintergrund die gemütliche Hütte von Andi, deren Fenster ein warmes Licht über den Kennel werfen. Während Gea immer noch auf dem Rücken liegt und darauf wartete, dass ich sie weiterhin am Bauch kraule, höre ich von meiner Leithündin Lisa ein leises Wimmern, da ihre Kette nicht lang genug ist, um mich mit ihrer feuchten Schnauze anstupsen zu können und mir auf diese Weise mitzuteilen, dass sie ganz gut noch einige zusätzliche Streicheleinheiten vertragen könnte.Das war er nun also, der unwiderufliche letzte Abend; am nächsten Morgen würde ich aufbrechen müssen - zurück in die Heimat. Ich hatte den Hunden das letzte Mal ihr "Abendbrot" serviert und mich während eines langen, schweren Rundganges durch den Kennel intensiv von ihnen verabschiedet - wobei Lisa, Dino und Gerry bestimmt wieder mehr Streicheleinheiten zuteil wurden, als allen anderen. Vor meinen Augen sehe ich nochmals alle die Bilder revuepassieren, die mich in den letzten 14 Tagen so unheimlich beeindruckt haben. Und amüsiert denke ich daran zurück, wie alles angefangen hatte:

 Wenige Tage vor meinem Abflug hatte ich zu Hause nachts in meinem Bett wachgelegen, weil ich auf einmal Angst bekommen hatte, vor dem (scheinbaren) Abenteuer, auf das ich mich da einlassen würde. Ob es daran lag, dass ich keine Woche vor dem Abflug von einer starken Grippe heimgesucht worden war, die ich gerade noch hatte auskurieren können, ob es die im Internet gemeldeten Temperaturen von unter minus 40°C waren oder an was es sonst lag - ich weiß es bis heute nicht. Jedenfalls hätte ich zu diesem Zeitpunkt meine Reiseunterlagen an jeden abgetreten, der mich entsprechend entschädigt hätte.  

Drei Tage später saß ich im Flieger und mit jeder Meile, die ich näher an Fairbanks heran kam, wuchs meine Vorfreude. Auf dem Flughafen holte mich ein fröhlicher, gut gelaunter Andi Hütten ab, der gleich noch Bruno mitgebracht hatte, mit dem ich in den nächsten beiden Wochen das Zimmer teilen würde. Ich weiß noch, wie ich mit einiger Verwunderung registrierte, dass ich gar nicht fror, obwohl mir Andi versicherte, dass es nicht "wärmer" als 20 Grad unter Null sei, und wie ich das erste Mal meinen Fuß in Andis gemütliche, warme Stube setzte, um die Hütte gleich darauf durch die Hintertüre zu verlassen und die Hunde zu begrüßen; jene Gefährten, die mich in den nächsten beiden Wochen durch Dick und Dünn begleiten und mein ganzes Herz gewinnen sollten... Ich erlebe nochmals jenen Augenblick, als ich nach gründlicher Einweisung durch Andi das erste Mal auf dem Schlitten stand. Vor mir "meine" Hunde, die ich mir selbst ausgesucht und mit Andis Hilfe angeschirrt hatte. Und plötzlich bin ich wieder mitten drin:

Sechs Huskies warten ungeduldig darauf, dass ich das Startkommando gebe und den Schneeanker und die Bremse löse. Mit lautem Bellen bekunden sie ihre Bereitschaft mir ihre gebündelte Energie zur Verfügung zu stellen, um mich auf einem Schlitten durch die grandiosen Weiten Zentral-Alaskas zu ziehen. Und als Bruno mit seinem Schlitten vor mir losfährt, scheinen meine Vierbeiner unendlich darunter zu leiden, dass sie noch stillhalten müssen, während die anderen ihren Kräften freien Lauf lassen können. In diesem Moment habe ich das erste Mal den Eindruck, dass mich sechs Augenpaare vorwurfsvoll anschauen, als wollten sie mir sagen: "Siehst Du nicht, die anderen sind schon unterwegs. Willst Du nicht endlich das Startkommando geben und die Bremsen lösen?". Kaum habe ich den Schlitten freigegeben und den Hunden das obligatorische "Hike Hike" zugerufen, legen sich meine Huskies mit einer Vehemenz in ihr Geschirr, dass mich die Beschleunigung fast rückwärts vom Schlitten wirft. Gleichzeitig verstummt schlagartig das Bellen und Heulen und weicht einem leisen, gleichmäßigen Hecheln. Mit ungefähr 30 km/h traben sie den Trail entlang und ziehen meinen Schlitten fast lautlos durch die weiße Winterlandschaft. Unbeeindruck von querliegenden Wurzeln oder in die Spur hineinragenden Zweigen, jagen sie durch das Unterholz den beiden anderen Gespannen hinterher, als würde unser Leben davon abhängen, diese einzuholen. Tief beeindruckt (und aufgrund meiner Unerfahrenheit) lasse ich ihnen freien Lauf, was sich wenige hundert Meter später in einer scharfen Linkskurve umgehend bitter rächt: Hier biegen meine Huskies dem schmalen Trail folgend annähernd rechtwinklig ab. Aufgrund der hohen Geschwindigkeit und meines fahrerischen Unvermögens, kippt der Schlitten über die Außenkufen, so dass ich bei voller Fahrt und in voller Länge in den tiefen Schnee falle. Dass die Hunde nicht weiterlaufen, sondern auf mein "Waw" sofort anhalten überrascht mich ebenso sehr, wie es mein Vertrauen in diese Gefährten steigert (übrigens sollte ich diese "Übung" in den nächsten beiden Tagen noch insgesamt vier Mal wiederholen!).

  

Wie in einem Film erlebe ich nochmals die Zweitagestour zum "Fishcamp", bei der wir nach einer steilen, schönen Abfahrt auf dem Tanana-River einen unbeschreiblichen, fast kitschigen Sonnenuntergang über dem Flusstal verfolgen können. Das Ziel, eine kleine, urige "Cabin" direkt am Fluss, bietet uns Unterschlupf für die Nacht und eine Möglichkeit, unseren mitgebrachten Dosen-Eintopf zu erwärmen. Der kleine gußeiserne Holzofen wärmt die Hütte erstaunlich schnell auf und bald schon haben wir es so richtig mollig warm - so warm, dass ich mich nachts auf den Schlafsack legten muss. Überhaupt war diese Nacht einer der Höhepunkte: Ein grandioser Sternenhimmel mit seinen abertausenden von Lichtpunkten, ein Vollmond, der die schneeweiße Landschaft silbrig hell erstrahlen lässt und das einmalige Schauspiel der vielen bunten und zuckenden Nordlichter, dass wir bei fast minus 40°C nur mit unserer Funktionsunterwäsche und Socken bekleidet im Freien beobachten können, ohne dass es uns im Geringsten kalt geworden wäre. Am nächsten Morgen erwartet uns eine zu allen Taten der Welt aufgelegte Hundeschar, deren Fell durch die Kälte der Nacht mit glitzernden Eiskristallen überzogen ist. Nachdem wir diese mit Wasser und Futter versorgt haben, beginnt das nächste Abenteuer: Das Anschirren der drei Gespanne direkt auf dem Eis des Tanana-River, wo weder die Schneeanker noch die Bremsen Griff finden. Ich muss daran denken, welcher Anstrengungen und Tricks es bedurfte, um den unbändigen Tatendrang der Hunde einigermaßen zu bremsen und sie vom ungeregelten Loslaufen abzuhalten. Allerdings war es aber gerade jene glatte Oberfläche, die es unseren Hunden erlaubte, die Schlitten in geradezu atemberaubenden Tempo den Flußlauf entlang zu ziehen, kaum dass wir das "Hike-"Kommando gegeben hatten. Nur zu gut erinnere ich mich, wie wir mit unseren Hunden, dick eingepackt mit Schal, Kapuze und tief ins Gesicht gezogener Mütze (immerhin hatten wir noch um die minus 35°C), lautlos der strahlenden Sonne des anbrechenden Tages entgegenflogen. Unvergeßlich das Gefühl, außer dem Fahrtwind um die Augenpartien keinerlei Kälte zu spüren und weniger zu frösteln, als an manchem regnerischen Winterabend zu Hause im zentralbeheizten Wohnzimmer vor dem Fernseher.  

In meinen Ohren klingen auch die Geräusche des Kennels: Das ferne Horn der Alaska-Railroad, das Brüllen der Elche, das knistern des Holzofens, vor allem aber das Willkommensgebell der über 100 Kehlen, wenn wir uns mit dem Schlitten oder dem Auto dem Kennel näherten. Tief in meine Erinnerung eingebrannt hat sich auch das Bild der vielen funkelnden Augenpaare, die uns beobachteten, während wir am Abend im Schein der Kennelbeleuchtung das Futter vor der Hütte richteten und das fast flehentliche Heulen der Puppys bzw. ungestüme Zerren an den Ketten, wenn sie nach stundenlangem Kraulen weitere Streicheleinheiten einforderten. 

Und alles das sollte nun zu Ende sein?

Mit einem Klos im Hals und voller dankbarer Traurigkeit erhebe ich mich langsam, nicht ohne Lisa nochmals mit meiner Hand über den Kopf zu fahren und Gea kurz am Bauch zu kraulen, und mache mich auf den Weg in "Andi's Hütte". Noch einmal vorbei an Furchur, meinem anderen "Leader", der extra aus seiner Hütte zu kommen scheint, damit ich ihm ein allerletztes Mal in sein tiefes, weiches weißes Fell greifen kann, und der mich mit seinen treuen Augen anschaut, die mich wie die vielen anderen leuchtenden Punkte zu fragen scheinen: "Du kommst doch wieder?!" Noch ein Blick zum wolkenlosen Himmel, der einen hellen Mond über dem Kennel scheinen lässt und dann betrete ich ein letztes Mal die Hütte durch den Hintereingang. Doch kaum nachdem ich die Türe hinter mir geschlossen und die großen warmen Musher-Boots ausgezogen habe, bin ich mir auf einmal ganz sicher: Ich komme wieder - gleich nächstes Jahr! Und vielleicht finde ich ja jemanden, der mir seine Reiseunterlagen abtreten möchte ...  

Gerhard Glaser

 
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