Titelbild
Sprache Deutsch Language Englisch
Sie sind hier: Startseite  /  Über uns  /  Reiseberichte  /  Frank Wiessner: 23.03. - 07.04.2002

Ruf der Wildnis - Hundeschlittentour im Denali

23.03.2020 - 07.04.2002

 Durch die Weiten Alaskas mit einem Hundschlittengespann, Übernachtung im Zelt bei -25 °C, Spüren was dieser "wind chill factor" wirklich bedeutet. Ein Unternehmen nur für ganz Extreme? Falsch, wir sind auch keine Helden der Arktis und sind dem Ruf der Wildnis trotzdem gefolgt. Es geht und das noch angenehm problemlos.

Nenana liegt etwa 90 km südlich von Fairbanks, Alaska. Fährt man von dort wieder 10 km zurück und biegt dann links ab, kommt man zum Gold Stream Kennel (Kennel heißt so etwas wie "Hundehof"). Ca. 60 Huskies sind hier versammelt. Natürlich gibt es gleich eine große Aufregung als wir zur ersten Begrüßung antreten. Nur die ganz Erfahrenen bleiben auf ihrer Hütte liegen und warten gelassen auf die nicht enden wollenden Streicheleinheiten. Daneben gibt es Schuppen für Futter, Stroh, Schlitten und allerlei Dinge, die man als Alaskaner noch brauchen könnte, eine Koppel mit sieben Pferden und natürlich eine Lodge für die Menschen. All das gehört und wird betrieben von Andy, ausgewandert aus Oberbayern, wo es ihm zu eng war.

Die Heranführung von hundefreundlichen Menschen an das Fahren mit Hundeschlitten ist im Winter die Haupteinnahmequelle und für uns die Möglichkeit einen alten Traum wahr werden zu lassen: einmal auf einen langen "Trail" gehen, zu deutsch eine Strecke von 350 km in mehreren Tagen mit den Huskies zurückzulegen, also ein kleines, privates, stoppuhrloses Iditarod oder Yukon Quest zu fahren (dies für Kenner der Materie). Erfahrung im Umgang mit den Hunden und dem Schlitten ist sicher von Vorteil, aber nicht unbedingte Voraussetzung, wie eine Einsteigerin bewies. Entscheidend ist schon eher der Wille die Tiere verstehen zu lernen, einigermaßen Gleichgewichtsgefühl zu besitzen, sich auch mal selbst helfen zu können und keine Angst vor der Kälte zu haben. Die übliche Sommerangst dagegen, die einen im "back country" leicht anfällt, tritt nicht auf: die Grizzlies schlafen noch. Andererseits schlafen die Elche nicht und traben manchmal mitten in ein Gespann hinein, weil sie sich eine absolute Vorfahrt einbilden. Alaska ist eben ein wildes Land.

Nach einigen Tagen auf der Lodge, von der zu Tagestouren zum Tanana oder Nenana Fluß gestartet wird - dies übrigens das normale Programm für Anfänger - werden die Vorbereitungen für unseren Trail getroffen: einige Huskies zur Verstärkung unserer Teams vom Nachbarn, Futter für Mensch und Tier, Stroh (nur fürs Tier), Zelte, Schlafsäcke, Kocher und die "snow machine". Über diese "Motorrad des Winters" kann man natürlich streiten, Jack London hatte ja auch keines. Aber als Begleit- und Transportfahrzeug ist es ungeheuer praktisch und dient auch der Sicherheit, falls man mal schneller raus muß aus dem Busch als geplant (z.B. bei der berühmten und gefürchteten Blinddarmentzündung). Der Alaskaner fährt übrigens sowieso außer Auto am liebsten snow machine. Die Möglichkeiten sind eben auch anders als bei uns: man muß sich vorstellen, dass zwischen München und dem Brenner gerade mal ein paar Häuser, "Garmisch Village" und vielleicht die "Inn Lodge" stehen und sonst einfach nur Natur da ist (eigentlich muß man als normaler Mitteleuropäer das sehen, vorstellen ist schwierig).

Wir fahren den Denali Highway von Cantwell nach Paxon und zurück. Ein Schotterpiste, die im Winter gesperrt ist, aber in diesem Jahr einen guten, d.h. eingefahrenen trail hat, da kurz vorher ein Husky Rennen stattfand. Jeder von uns Vieren fährt sein Sechsergespann (sechs Hunde), Andy, unser Guide, kommt mit der Snowmachine hinterher. Im Abstand von je 20 Minuten geht es dann raus und bereits nach der ersten Kurve ist man allein. Die Hunde haben ihren gleichmäßigen Trab gefunden, strahlend blauer Himmel über uns und eine atemberaubende Landschaft, wohin man auch schaut. Nach vierStunden Fahrt mache ich die erste längere Pause, als aber keiner auftaucht, fahre ich auch weiter - irgendetwas muß schief gelaufen sein. Andy hätte längst vorbei sein müssen. Nach weiteren zweiStunden kommt er dann, kurz den Daumen hoch, ok alles in Ordnung, und weg ist er. Der Trail führt über eine Hochebene mit verdammt kalten Wind und fällt dann langsam in das Susitna river Tal ab. Allmählich wird es dämmrig, hoffentlich machen die unten am Fluß das Camp, nach 7 Stunden Fahrt reicht es jetzt. Gott sei Dank, nach der nächsten Kurve steht in einiger Entfernung mitten auf dem "Highway" ein Zelt. Hunde ausspannen, Strohllager bereiten, Fressen austeilen kommt zuerst, dann gibt es auch was für uns. Als es bereits dunkel ist, kommt die letzte Musherin ins Camp - ihr Leithund hatte "Startprobleme". Bei -15 °C geht es ins Zelt. Und in der Nacht kommt für alle (außer Andy, der hatte ein Zelt für sich) die unerwartet härteste Prüfung des Unternehmens: es wird geschnarcht was das Zeug hält. Der Leser wird wissen was es heißt, todmüde zu sein, aber kein Auge zu machen zu können.

Am nächsten Morgen fast schon mit Routine: Hunde versorgen, Camp abbauen, Schlitten beladen, einspannen und weiter geht es auf die nächsten 60 km Trail zur MacLaren River Lodge. Hier ist das Quartier für die nächsten Tage. Unglaublich was die Hunde geleistet haben. Tierquälerei? Wäre es sicher, wenn man seinen Wohnzimmerhund auf die Strecke schickt. Schlittenhunde sind trainierte "Hochleistungssportler", die von Andy immer wieder sorgfältig gecheckt werden. Und laufen tun sie für ihr Leben gern sowieso.

Von der Lodge aus geht es bis zum Endpunkt der Durchquerung, den Tangle Lakes und weil das Wetter so außergewöhnlich gut ist, fahren wir am "Ruhetag" noch einen wilden Trail über Hügel und Flüsse zum Gletscher - ohne Gepäck in rasender Geschwindigkeit. Ein unvergessliches Abenteuer.

Die Rückfahrt, wieder mit Camp nahe dem Susitna, verläuft problemlos. Es ist bloß noch kälter in der Nacht. Und das Feuer aus frisch geschlagenen Holz will auch nicht so richtig brennen. Wie nur hat Jack London das immer hinbekommen? Als auf dem letzten Stück in weiter Entfernung auch noch der 6195 m hohe Mount McKinley auftaucht, sind wir sicher, "Sled Dog Mushing" in Alaska gehört zur Extraklasse von Erlebnissen in unserer an Angeboten nicht gerade armen Zeit.

Frank Wiessner

 
© 2010 - 2016 | design by guarddog IT e.U.